Was ist Aphasie?


1. Was bedeutet der Begriff Aphasie?

Das Wort «Aphasie» kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie «Sprachlosigkeit». Die meisten Personen, die an einer Aphasie leiden, haben ihre Sprache aber nicht völlig verloren. Aphasie ist vielmehr eine Sprachstörung, bei der es sehr unterschiedliche Schweregrade geben kann: Einige PatientInnen zeigen nur leichte Unsicherheiten z.B. beim Finden von Wörtern, andere haben die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, Sprache zu verstehen, zu lesen und/oder zu schreiben praktisch völlig eingebüsst.

Es gibt verschiedene Arten von Aphasie, bei denen diese Fähigkeiten unterschiedlich stark beeinträchtigt sind.

2. Wie kommt es zu Aphasien

Das Hirn besteht aus zwei Hälften, Hemisphären genannt. Jede Seite kontrolliert bestimmte Tätigkeiten. Für einige sind sie gemeinsam zuständig. Bei den meisten Menschen befinden sich die Sprachregionen in der linken Hirnhälfte. Nur bei einem sehr geringen Prozentsatz liegen diese Funktionen in der rechten oder in beiden Hirnseiten.
Die Bewegungskontrolle durch das Hirn erfolgt gekreuzt, das heisst: Die linke Seite des Hirns kontrolliert den rechten Arm und das rechte Bein. Die rechte Seite des Hirns kontrolliert den linken Arm und das linke Bein. Die linke Seite des Hirns ist verantwortlich für Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben.

Die häufigsten Ursachen von Aphasie
– Schlaganfall (= Insult, = Apoplexie)
   Der Schlaganfall ist die weitaus häufigste Ursache für Aphasien. Es handelt sich dabei um eine
   Hirnschädigung, die aufgrund von Durchblutungsstörungen im Hirn entsteht.
– Hirnblutungen anderen Ursprungs
   Bei jüngeren Menschen entstehen Hirnblutungen meist aufgrund von angeborenen Gefässmissbildungen
   (Aneurysmen) oder Gefässgeschwülsten (Angiomen).
– Schädelhirnverletzungen nach Unfall (Schädelhirntrauma = SHT)
– Hirntumore
– Entzündliche Prozesse im Hirn (z.B. Hirnhautentzündung)

3. Erscheinungsformen von Aphasie

Sprachverständnis (gesprochene und geschriebene Sprache)
Alle aphasischen Personen haben mehr oder weniger stark ausgeprägte Probleme beim Verstehen.
Sie verwechseln die Bedeutung von Wörtern und können den Sinn von langen und schwierigen Sätzen nicht oder nur mit Schwierigkeiten erfassen. Deshalb sind schon bei einfachen Gesprächen Missverständnisse möglich, und das genaue Verstehen von Texten bereitet Mühe.

Sprachproduktion (Sprechen und Schreiben):
Die meisten aphasischen Personen leiden unter Wortfindungsstörungen, die sich wie folgt zeigen können:
– Sie können z.B. einen Gegenstand nicht benennen, obwohl sie genau wissen, worum es sich    handelt.
– Sie verwechseln zwei in ihrer Bedeutung verwandte Wörter: sie sagen oder schreiben
   «Tisch» anstatt «Stuhl».
– Sie benennen einen Gegenstand mit einem in der Muttersprache nicht gebräuchlichen Begriff, z.B.
   «Stundenteiler» für «Uhr».
– Sie entstellen die Wörter, z.B. Label statt Gabel.

Wie äussert sich die Aphasie im Einzelnen?
Viele haben Mühe, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden z.B. Nicole haben zudem...


4. Welche Begleitsymptome treten bei Aphasie am häufigsten auf?

Je nachdem, welche Hirnregionen betroffen sind, können zusätzlich zu einer Aphasie andere Störungen auftreten.

Lähmungen/Störungen der Körperwahrnehmung
In der Nachbarschaft der Sprachregionen befinden sich motorische und sensible Regionen, die für die Bewegungssteuerung und die Körperwahrnehmung der gegenüberliegenden Körperseite zuständig sind.

Gesichtsfeldeinschränkungen (Hemianopsien)
Es gibt unterschiedliche Arten von Gesichtsfeldeinschränkungen: dabei kann das rechte oder das linke Gesichtsfeld, aber auch nur ein kleiner Ausschnitt betroffen sein. Bei einer rechtsseitigen Hemianopsie z.B. wird nichts mehr wahrgenommen, was in der rechten Seite des Gesichtsfeldes liegt.

Rechenstörungen (Dyskalkulien)
Bei manchen aphasischen Personen ist die Fähigkeit, Zahlen zu schreiben und zu lesen, beeinträchtigt. Selbst wenn die Zahlen beherrscht werden, können beim Rechnen Schwierigkeiten auftreten.

Sprechstörungen (Dysarthrien/Dysarthrophonien)

Schluckstörungen (Dysphagien)
Aufgrund von zentral bedingten Sensibilitätsstörungen, Lähmungen und/oder Koordinationsproblemen von Bewegungen im Mund-, Rachen- und Kehlkopfbereich kommt es zu Schwierigkeiten beim Essen, Trinken, Abhusten.

Störungen der Planung und/oder Ausführung von Handlungen (Apraxien)
PatientInnen, die an einer Apraxie leiden, haben Schwierigkeiten, eine Handlungsabsicht in die Tat umzusetzen.

Störungen im Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsbereich
Besonders bei schweren Aphasien und in der Frühphase treten oft Störungen in diesen Bereichen auf. Die PatientInnen haben dann grosse Schwierigkeiten, etwas Neues zu lernen.

Auffälligkeiten im Gefühlsbereich und sozialen Verhalten
Vielen PatientInnen mit Hirnschädigung passiert es, dass sie schon bei geringen Anlässen in Tränen ausbrechen oder unangemessen heftig lachen. Auch zu unkontrollierten Wutausbrüchen kann es bei einigen Personen rascher als früher kommen. Manche aphasische Personen fluchen und gebrauchen Schimpfwörter, ohne dies zu wollen oder im Moment beeinflussen zu können.
Sobald sie sich wieder fangen, sind sie meistens durch ihre Verhaltensweise irritiert und oft auch beschämt.
Viele Patienten und Patientinnen wirken in ihrem Antrieb gestört oder sind depressiv: vermutlich sind dies Reaktionen auf den frustrierenden Alltag, den aphasische Personen erleben müssen.

Dysarthrophonie – jedoch keine Sprachstörung
Bei einer Sprechstörung (Dysarthrie) können aufgrund einer Hirnverletzung Laute, Wörter und Sätze nicht mehr deutlich und verständlich ausgesprochen werden. Da infolge einer Dysarthrie meistens auch die Atmung und die Stimmbildung beeinträchtigt sind, spricht man von Dysarthrophonie. Die Stimme kann heiser, gepresst, schwach, verhaucht, nasal klingen.


5. Zum Krankheitsverlauf

Über den vermutlichen Verlauf lässt sich immer nur bei genauer Kenntnis des einzelnen Falls etwas aussagen.
Folgende Faktoren spielen bei der Beurteilung der Prognose eine Rolle:
– Ausmass der Verbesserungen, die sich bereits in der Frühphase (in den ersten Tagen und Wochen nach dem
   Ereignis) gezeigt haben
– Art und Schweregrad der Aphasie
– Art und Ausmass weiterer Beeinträchtigungen im Hirnleistungsbereich (z.B. Gedächtnis- und
   Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen der Planung und/oder Ausführung von Handlungen)
– Krankheitswahrnehmung (Erkennen des Ausmasses der Erkrankung)
– Ansätze und spontane Versuche des Patienten/der Patientin, Ersatzstrategien zu entwickeln
– eventuell: Therapiemotivation
Viele PatientInnen mit anfänglich eher leichteren Ausfällen, können mit einer günstigen Prognose rechnen. Andere PatientInnen, vor allem jene mit einem langsamen und schweren Verlauf, müssen sich auf eine bleibende Behinderung einstellen. Dabei kann es noch über lange Zeiträume hinweg zu kleinen, stetigen Verbesserungen kommen.


6. Was kann getan werden?

Sprachtherapie
Ziel jeder Sprachtherapie ist es, dass aphasische Personen lernen, ihre Verständigungsfähigkeit zu verbessern und mit ihren verbliebenen kommunikativen Möglichkeiten und Störungen besser umzugehen. Dazu wenden LogopädInnen/SprachtherapeutInnen  spezielle therapeutische Methoden an, die nichts mit den Sprachübungen aus der Schulzeit oder mit dem Fremdsprachenunterricht zu tun haben. Für jede aphasische Person wird ein eigener Behandlungsplan entworfen.
Vielfältige, auch nichtsprachliche Übungen, wie Entspannung, Konzentrationstraining, praktische Handlungen usw., gehören zu den Arbeitsmitteln der LogopädInnen/SprachtherapeutInnen und werden nach individuellen Bedürfnissen und den Ergebnissen der Diagnose zusammengestellt.

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