Wenn das Kind der Schlag trifft
Ein Schlaganfall ist keine Seltenheit:
In Deutschland erleiden jährlich 200 000 Menschen eine solche plötzliche Hirnblutung, fast eine Million Männer und Frauen kämpfen gegenwärtig mit den Folgen der Erkrankung. Noch vor wenigen Jahren galt sie als Schicksal, das nur ältere Menschen trifft. Doch Mediziner widmen sich zunehmend auch einer anderen Altersgruppe: Bis zu 500 Kinder pro Jahr sind betroffen - mindestens.
«Die Dunkelziffer ist sehr hoch, da ein Schlaganfall nicht bei jedem Kind als solcher diagnostiziert wird», sagt Andreas Hetzel von der Universität Freiburg. «In Zukunft werden die Zahlen aber genauer, da das Thema immer mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt und auch Mediziner verstärkt darauf achten», erläutert der Neurologe. Außerdem habe sich die Diagnostik zur Feststellung der Erkrankung in den vergangenen Jahren verbessert.
«Die Auslöser eines Schlaganfalls sind bei kleinen Patienten vollkommen anders als bei Erwachsenen», sagt Roland Sträter von der Universitäts-Kinderklinik in Münster. «Bei Erwachsenen sind vor allem Bluthochdruck oder Arterienverkalkung die Ursache. Bei Kindern gehören angeborene Herzfehler oder Gefäßverengungen, die zum Beispiel durch Entzündungen hervorgerufen werden, zu den Auslösern.
» Weiterhin können ererbte Defekte bei der Blutgerinnung zu Gerinnseln führen, die eventuell einen Schlaganfall im Kindesalter zur Folge haben. Je kleiner die Kinder sind, desto schwieriger ist es oft, die Erkrankung zu erkennen. «Wenn zum Beispiel die Bewegung der Arme nicht vollständig oder gar nicht mehr ausgeführt wird oder andere Fähigkeiten wie Sprechen und Laufen plötzlich verloren gehen, können das Hinweise auf einen Schlaganfall sein», sagt Sträter. Auch Krampfanfälle oder der komplette Verlust des Bewusstseins gehören zu den Symptomen.
«Wenn ein betroffenes Kind aber keine Lähmung hat, wird der Schlaganfall oft übersehen», sagt Hetzel. «Kleine Kinder können ihre Probleme meist noch nicht so gut in Worte fassen.» Auch Sprachstörungen würden deshalb in vielen Fällen erst später festgestellt. «Häufig haben die Eltern noch lange die Hoffnung, dass sich bestimmte Störungen von selbst legen.» Doch bei vielen Kindern bleiben sie jahrelang oder vielleicht sogar das ganze Leben. Zuverlässige Erkenntnisse über die Erkrankung bringen moderne Verfahren wie die Kernspintomographie oder Ultraschalluntersuchungen. «Bei Kindern, die kurz nach der Geburt einen Anfall hatten, kann der mit der Kernspintomographie auch noch ein halbes Jahr später festgestellt werden», sagt Ulrike Daseking von der Universität Bremen.
«Etwa 40 Prozent der betroffenen Jungs und Mädchen entwickeln nach einem Schlaganfall epileptische Anfälle, die mit Medikamenten behandelt werden müssen», erklärt Daseking weiter. Die Expertin ist sich sicher, dass jedes Kind nach einem Schlaganfall sprechen lernen wird. «Allerdings kann der Wortschatz nie so umfangreich sein wie bei anderen.» Welche Defizite später auftreten, hängt auch davon ab, in welchem Alter das Kind den Anfall hatte. Die Psychologen der Universität Bremen haben ein Therapiekonzept entwickelt, mit dessen Hilfe die Kinder und ihre Eltern besser betreut werden können.
«Neben den körperlichen und sprachlichen Problemen sind die Jungen und Mädchen auch in ihrer Merkfähigkeit und Aufmerksamkeit eingeschränkt», sagt Daseking. Mit verschiedenen Intelligenz- und Strategietests sowie Schnelligkeitsübungen wollen die Experten Genaueres über die Defizite erfahren. «Dabei gibt es mehrere sensible Zeitpunkte, zu denen die Tests gemacht werden», so die Expertin. Los geht es ab dem dritten Lebensjahr, wenn sich die Sprache entwickelt hat. «Der zweite interessante Zeitpunkt ist die Einschulungsphase, also ab dem sechsten und siebenten Lebensjahr. Dann entwickelt sich das räumliche Denken.
» Mit etwa zehn Jahren beginnt bei den Kindern das formal logische Denken. Deshalb können auch in dieser Zeit Tests Aufschluss über Entwicklungsprobleme geben. Die Ergebnisse der Übungen besprechen die Psychologen gemeinsam mit den Kindern und deren Eltern. Weil sich das Gehirn bei den Kleinen noch in der Wachstumsphase befindet, können die durch den Schlaganfall verursachten Schäden leichter kompensiert werden als bei Erwachsenen. Die Bremer Experten wollen den Kindern mit ihrem Therapiekonzept dabei helfen. «Bisher war es oft so, dass Betroffene ihr Handicap ein Leben lang mit sich rumschleppten. Das führte oft zu Depressionen und aggressivem Verhalten», sagt Daseking. Weil der kindliche Schlaganfall ein sehr vielschichtiges Thema sei, müsse die Behandlung auf verschiedenen Ebenen erfolgen. «Psychologen, Logopäden und Krankengymnasten sind dabei gleichermaßen gefragt», sagt sie. Seit mehr als zehn Jahren ist die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe in Gütersloh ein wichtiger Ansprechpartner für die Eltern von kleinen Anfallpatienten. «Wir arbeiten mit den führenden Experten auf diesem Gebiet zusammen und bringen die Mütter und Väter mit anderen betroffenen Familien in Kontakt», sagt Sprecherin Dagmar Mangels. Sie weiß aus Gesprächen, dass ein Schlaganfall auch bei den Eltern der Kinder psychische Spuren hinterlässt: Für diese Betroffenen sei jede Hilfe ein kleiner Lichtblick.